
Barrieren entstehen nicht nur durch Treppen, fehlende Aufzüge oder schmale Türen. Sie entstehen auch durch komplizierte Zuständigkeiten, lange Wartezeiten, unflexible Verfahren und digitale Angebote, die barrierefrei wirken sollen, es in der Praxis aber nicht immer sind. Im Gespräch mit Dr. Annika Hansen wird deutlich: Teilhabe scheitert oft nicht am fehlenden Willen von Menschen mit Behinderung, sondern an Strukturen, die Unterstützung verzögern statt ermöglichen.
Dr. Annika Hansen ist 50 Jahre alt, lebt mit einer angeborenen Muskelatrophie und ist 2015 zusätzlich erblindet – ihre verbleibende Sehkraft liegt seitdem unter 2 %, sodass sie nur noch Lichtquellen wahrnehmen kann, jedoch keine verwertbaren Bilder mehr erkennt. Sie hat Medizin und Informatik studiert, in der biomedizinischen Forschung promoviert und ein Masterstudium im Konferenzdolmetschen (Englisch/Japanisch) begonnen, dessen Abschluss ihr bislang aufgrund fehlender Hilfsmittel und Schulungen verwehrt ist. Sie engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich, hat mehrere Selbsthilfegruppen mit aufgebaut und setzt sich für mehr Teilhabe, mehr Flexibilität im System und einen anderen Blick auf Behinderung ein.
1. Was wünschen Sie sich, dass andere Menschen über Behinderung besser verstehen?
Dr. Annika Hansen:
Ich wünsche mir vor allem, dass Menschen mit Behinderung nicht länger als Belastung gesehen werden. Wir sind Teil dieser Gesellschaft und wir haben ihr auch etwas zu geben. Viele von uns sind hoch qualifiziert, engagieren sich ehrenamtlich, gründen Selbsthilfegruppen, organisieren Unterstützung und entwickeln jeden Tag Lösungen für Hürden, die andere gar nicht sehen.
Behinderung ist nicht das Gegenteil von Kompetenz. Und sie ist auch nicht das Gegenteil von Leistungsbereitschaft. Was oft fehlt, sind nicht Motivation oder Fähigkeiten, sondern eine verlässliche, bedarfsgerechte und passgenaue Grund- und Hilfsmittelversorgung und funktionierende Strukturen. Wenn Inklusion gut umgesetzt wird, dann profitieren nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern die Gesellschaft insgesamt.
2. Sie sprechen nicht nur über die Behinderung selbst, sondern auch über die Erschöpfung durch Bürokratie. Was bedeutet das konkret im Alltag?
Dr. Annika Hansen:
Das System kostet sehr viel Kraft. Es kostet Zeit, Energie, Gesundheit und oft auch Würde. Viele Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen verbringen unzählige Stunden damit, Anträge zu stellen, Zuständigkeiten zu klären, Widersprüche zu formulieren und sich durch Verfahren zu kämpfen. Diese Energie fehlt dann an anderer Stelle: im Beruf, im Familienleben, im Ehrenamt oder einfach im Alltag.
Für mich persönlich ist das sehr greifbar. Ich kämpfe seit Jahren darum, eine blindentechnische Schulung bewilligt zu bekommen, damit ich den Computer vollständig blind bedienen kann. Dabei geht es nicht um ein Extra, sondern um eine Voraussetzung für Grundrechte wie selbstständige Kommunikation, Mobilität sowie berufliche und gesellschaftliche Teilhabe. Wenn solche Dinge sich über Jahre hinziehen, zermürbt das.
3. Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?
Dr. Annika Hansen:
Mein persönlicher Wunsch wäre ein Gesetzesentwurf, der vorsieht, dass Hilfsmittel, Therapien und notwendige Schulungen deutlich unbürokratischer und vor allem schneller zugänglich werden. Ob man das am Ende „genehmigungsfrei“ nennt oder anders organisiert, ist zweitrangig – entscheidend ist, dass Menschen nicht über Jahre auf Dinge warten, die sie brauchen, um gesund zu bleiben, mobil zu sein oder arbeiten zu können. Bei Medikamenten erleben wir, dass nach einer ärztlichen Verordnung in der Regel zeitnah eine Versorgung möglich ist. Ein vergleichbares Prinzip sollte aus meiner Sicht bei Hilfsmitteln ebenso sein.
Wie konkret sich Verzögerungen im Alltag auswirken, zeigt ein Beispiel: Ein ärztlich verordneter Navigationsgürtel, der mir im öffentlichen Raum Orientierung geben würde, ist seit Jahren nicht bewilligt. Ohne dieses Hilfsmittel ist es mir aktuell nicht möglich, mich im Rollstuhl selbstständig außerhalb der Wohnung zu bewegen.
Dabei geht es nicht nur um Teilhabe im Hier und Jetzt, sondern auch um langfristige Folgen. Wenn notwendige Hilfsmittel, Therapien oder Schulungen zu spät oder gar nicht bereitgestellt werden, können sich gesundheitliche Probleme verschärfen oder neue Einschränkungen entstehen. Eine frühzeitige und passgenaue Versorgung kann dazu beitragen, Folgeschäden zu vermeiden und Selbstständigkeit zu erhalten.
Wir wissen aus anderen Ländern, dass Versorgung und Teilhabe stärker als Teil gesellschaftlicher Infrastruktur gedacht werden können. Der Blick nach Finnland zeigt aus meiner Sicht, dass Hilfsmittel und berufliche Rehabilitation dort systemischer mitgedacht werden. Für Deutschland wäre das für mich der entscheidende Punkt: Versorgung muss schneller, flexibler und praxisnäher werden. In Finnland gibt es offizielle Leistungen für Hilfsmittel sowie berufliche Rehabilitation, auch für Arbeit und Studium; daraus lässt sich zwar nicht einfach ableiten, dass alles ohne Antrag läuft, aber sehr wohl, dass Teilhabe politisch anders priorisiert werden kann.
4. Sie sprechen bewusst auch von Fehlversorgung. Was meinen Sie damit?
Dr. Annika Hansen:
Viele Menschen sind nicht nur unterversorgt, sondern auch unpassend versorgt. Sie erhalten Hilfsmittel, die im Alltag nicht optimal funktionieren. Ein Wechsel ist zwar grundsätzlich möglich, wird aber häufig durch bestehende Versorgungsverträge, Genehmigungsverfahren und bürokratische Hürden erschwert. Dadurch entsteht Angst: Wenn ich etwas abgebe, bekomme ich vielleicht gar keinen Ersatz mehr. Das führt dazu, dass Menschen an Lösungen festhalten, die für sie eigentlich nicht geeignet sind.
Dabei müsste Versorgung viel flexibler sein. Hilfsmittel sollten sich am tatsächlichen Bedarf orientieren und nicht an starren Abläufen. Wer etwas ausprobiert und merkt, dass es nicht passt, sollte unkompliziert nachsteuern können.
5. Barrierefreiheit wird oft vor allem baulich verstanden. Sie sagen: Das greift zu kurz. Was gehört noch dazu?
Dr. Annika Hansen:
Barrierefreiheit ist für mich keine feste Eigenschaft eines Gebäudes oder einer Website. Sie beschreibt vielmehr, ob ein bestimmter Mensch unter seinen Bedingungen Zugang zu etwas hat. Das ist ein großer Unterschied. Was für die eine Person funktioniert, muss für die andere noch lange nicht passend sein.
Deshalb ist meine wichtigste Empfehlung beispielsweise an Veranstalterinnen und Veranstalter eigentlich ganz einfach: nicht annehmen, sondern fragen. Ein Satz in der Einladung kann schonviel verändern: „Teilen Sie uns gern mit, was Sie brauchen, um teilnehmen zu können.“ Oder noch direkter: „Was brauchst du, damit du teilhaben und dich einbringen kannst?“
Genau da beginnt für mich Inklusion. Nicht bei der Annahme über andere, sondern im Gespräch.
6. Was heißt das konkret für Veranstaltungen?
Dr. Annika Hansen:
Es geht um viel mehr als um eine Rampe. Wichtig ist zum Beispiel auch: Wie kommt man überhaupt hin? Gibt es einen erreichbaren öffentlichen Nahverkehr? Fährt nach Veranstaltungsende noch ein Bus? Gibt es vor Ort Ansprechpartnerinnen oder Ansprechpartner? Wird klar kommuniziert, wie man Bedarfe melden kann?
Bei mir kann es zum Beispiel sein, dass eine einzelne Stufe mit einer Rampe kein Problem ist, drei Stufen aber nur mit Unterstützung. Oder dass ein fehlendes rollstuhlgerechtes WC in meinem Fall anders zu bewerten ist als bei anderen. Das lässt sich nicht pauschal entscheiden. Inklusion gelingt dort, wo nach realen Bedarfen gefragt wird statt nach abstrakten Kategorien.
Genau hier zeigt sich auch, was man Ableismus nennt: wenn über Menschen mit Behinderung Annahmen getroffen werden, ohne sie einzubeziehen. In dem Moment, in dem ich frage, statt zu unterstellen, werden Bedarfe erkannt und ernst genommen, sodass passende Versorgung für Teilhabe und Mitwirkung möglich wird.
7. Was hilft Ihnen persönlich auf Veranstaltungen?
Dr. Annika Hansen:
Hilfreich ist für mich, wenn ich nicht nur mitgedacht, sondern wirklich einbezogen werde. Wenn ein Rollstuhlplatz freigehalten wird. Wenn Moderatorinnen oder Moderatoren meinen Namen nennen – insbesondere bei Fragen aus dem Publikum – damit ich weiß, dass ich gemeint bin. Wenn im Vorfeld geklärt wird, wie ich am besten erreichbar bin. In meinem Fall ist das oft telefonisch.
Solche Dinge sind nicht kompliziert. Sie setzen vor allem Aufmerksamkeit und Offenheit voraus. Viele Menschen nehmen heute selbstverständlich Rücksicht auf Ernährungsbedarfe oder Unverträglichkeiten. Warum sollte das bei Behinderung anders sein?
8. Sie sprechen auch kritisch über digitale Barrierefreiheit. Wo sehen Sie die größten Probleme?
Dr. Annika Hansen:
Viele Websites gelten als barrierefrei, weil sie ein Overlay oder einzusätzliches Tool eingebunden haben – also eine nachträgliche Funktion, die über die eigentliche Website gelegt wird, um beispielsweise Kontraste anzupassen oder Inhalte vorlesen zu lassen. Für viele blinde Menschen ist das aber keine echte Lösung. Eine Seite wird nicht dadurch barrierefrei, dass nachträglich eine Funktion darübergelegt wird. Entscheidend ist, dass sie von Grund auf gut aufgebaut ist.
Häufig ist das Gegenteil der Fall: Solche Overlays können die Nutzung sogar zusätzlich erschweren. Gerade bei komplexen Inhalten wie Anträgen oder Formularen wird das schnell zu einer echten Hürde. In solchen Fällen können alternative Zugangswege, etwa eine telefonische Antragstellung, deutlich niedrigschwelliger sein.
Hinweis: Zum Thema „Barrierefreiheit im Web“ haben wir einen separaten Beitrag mit weiteren Einblicken auf unserer Website veröffentlicht. (Link)
9. Was wäre Ihr wichtigster Tipp für barrierefreie Websites?
Dr. Annika Hansen:
Barrierefreiheit sollte nicht als Zusatz gedacht werden, sondern als Grundlage. Eine Website sollte so aufgebaut sein, dass Menschen den Hauptinhalt direkt erfassen und von dort aus sinnvoll weiter navigieren können. Keine überladenen Strukturen, keine unnötigen Hürden, keine Texte, die nur grafisch funktionieren und ein direkter Zugang zu „Cookies ablehnen“-Buttons.
Und ganz wichtig: Es gibt nicht die eine Barrierefreiheit für alle. Auch im Digitalen gilt, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Zugänge brauchen.
10. Sie engagieren sich ehrenamtlich. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?
Dr. Annika Hansen:
Weil sehr viel von dem, was Menschen mit Behinderung, Angehörige, Familien und Freunde trägt, durch ehrenamtliches Engagement entsteht. Viele Selbsthilfegruppen, Vereine und Unterstützungsangebote werden von Betroffenen selbst aufgebaut und getragen. Dieses Wissen, diese Erfahrung und diese gegenseitige Unterstützung sind enorm wertvoll.
Ich wünsche mir, dass Ehrenamt stärker anerkannt und besser mitgedacht wird. Wenn jemand sich engagieren will, sollte das nicht daran scheitern, dass notwendige Hilfsmittel oder kleine Anpassungen nicht finanziert werden. Teilhabe und Teilgabe bedeuten eben nicht nur Erwerbsarbeit. Auch ehrenamtliches Engagement hält unsere Gesellschaft zusammen.
11. Sie sprechen oft von „Teilhabe“ und „Teilgabe“. Was meinen Sie damit?
Dr. Annika Hansen:
Teilhabe bedeutet für mich nicht nur, irgendwo dabei zu sein. Es bedeutet, mitwirken zu können, etwas beizutragen, Verantwortung zu übernehmen, gehört zu werden. Genau deshalb ist auch der Gedanke der „Teilgabe“ so wichtig: Menschen mit Behinderung haben nicht nur Bedarfe, sondern auch Fähigkeiten, Wissen, Perspektiven und Beiträge.
Das bezieht sich auf alle Lebensbereiche – auf barrierefreies Bauen, den Arbeitsmarkt, Bildung, Kultur und das gesellschaftliche Miteinander. Überall dort geht es darum, nicht nur Zugang zu ermöglichen, sondern echte Beteiligung.
Inklusion ist aus meiner Sicht erst dann wirklich gelungen, wenn Menschen nicht nur anwesend sind, sondern selbstverständlich mitgestalten können.
12. Sie haben einen hohen Bildungsabschluss und sagen ganz offen: Oft scheitert es an fehlender Unterstützung, nicht am fehlenden Arbeitswillen. Was läuft da schief?
Dr. Annika Hansen:
Es gibt viele Menschen mit Behinderung, die arbeiten wollen und arbeiten könnten, wenn die nötigen Voraussetzungen geschaffen würden. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. In meinem Fall hängt sehr viel an einer Schulung, die mir ermöglichen würde, meinen Computer vollständig blind zu nutzen. Das wäre für mich ein entscheidender Schritt in Richtung Arbeitsmarkt, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.
Deshalb finde ich es wichtig, den Blick zu verändern. Nicht: „Was geht alles nicht?“ Sondern: „Was braucht es konkret, damit es geht?“ Flexible Arbeitszeiten, hybride Modelle, technische Hilfen, Schulungen – all das kann dazu beitragen, dass Menschen ihre Fähigkeiten tatsächlich einbringen können. Die Möglichkeiten sind heute größer als früher. Sie müssen von den zuständigen Stellen auch konsequent genutzt werden.
13. Was wünschen Sie sich politisch und gesellschaftlich für die Zukunft?
Dr. Annika Hansen:
Ich wünsche mir einen grundlegenden Perspektivwechsel. Weg von der Vorstellung, Menschen mit Behinderung seien in erster Linie ein Kostenfaktor. Hin zu der Erkenntnis, dass sie Teil dieser Gesellschaft sind, mit Rechten, Fähigkeiten und Potenzialen.
Und ich wünsche mir, dass wir mitten im Leben wohnen, arbeiten und uns engagieren können – nicht in homogenen Sonderstrukturen, sondern in Kontakt mit anderen Menschen, in Nachbarschaften, in Vereinen, in Kultur, im Beruf. Inklusion bedeutet nicht, Menschen unter sich unterzubringen. Inklusion bedeutet, gesellschaftliche Räume gemeinsam zu gestalten.
14. Was möchten Sie zum Schluss mitgeben?
Dr. Annika Hansen:
Wir Menschen mit Behinderung wollen nicht auf ein Defizit reduziert werden. Wir wollen ein würdevolles Leben, Zugang, Chancen und die Möglichkeit, unsere Fähigkeiten einzubringen. Viele von uns sind sehr lösungsorientiert, ausdauernd und geübt darin, sich in komplexen Situationen zurechtzufinden. Das sollte man nicht übersehen.
Ich wünsche mir, dass mehr Menschen anfangen zu fragen: Was brauchst du, damit es geht? Das ist oft der Anfang von echter Inklusion.