Wie sollen unsere Kinder später wohnen?

Im Interview erzählt Marco Hörmeyer, Vater einer Tochter mit Behinderung, wie aus der Frage „Wie sollen unsere Kinder später wohnen?“ ein gemeinsamer Weg entstanden ist und schließlich die Wohngemeinschaft „Evershelden“.

Gemeinsam mit anderen Eltern hat er in Osnabrück eine selbstbestimmte, selbstorganisierte und somit trägerunabhängige Wohngemeinschaft für junge Menschen mit Behinderung geschaffen - in einem Wohnquartier, eingebettet in den Alltag der Nachbarschaft. Ein Projekt, für das viel Mut, Ausdauer und Abstimmung nötig war und beispielhaft zeigt, wie neue Wohnformen entstehen können.

Entstanden ist ein Modell, das Pflege, Assistenz und Teilhabe zusammen denkt und bewusst nicht nur Versorgung, sondern ein echtes Zuhause schaffen möchte.


Was war der Ausgangspunkt für das Projekt?
Marco Hörmeyer:
Am Anfang stand die sehr grundsätzliche Frage: Wie sollen unsere Kinder leben, wenn sie erwachsen sind? Für uns war früh klar, dass wir kein rein funktionales Versorgungsmodell wollten, sondern einen Ort, an dem unsere Kinder als junge Erwachsene wohnen, Beziehungen aufbauen und Teil der Gesellschaft sein können.

Gerade für Menschen mit hohem Unterstützungs- und Pflegebedarf gibt es dafür oft nur wenige passende Angebote. Aus diesem Mangel heraus ist die Idee entstanden, selbst Verantwortung zu übernehmen.


Was war Ihnen dabei besonders wichtig?
Marco Hörmeyer:
Wir wollten den Alltag bewusst anders denken: weniger Institution, mehr Zuhause. Unsere Kinder brauchen Unterstützung, aber sie sind keine „Fälle“.

Im Mittelpunkt standen für uns Sicherheit, Verlässlichkeit und Würde, genauso aber auch Selbstbestimmung, Lebensfreude und Teilhabe. Uns war wichtig, dass sich Unterstützung am Menschen orientiert und nicht umgekehrt das Leben an bestehende Strukturen angepasst werden muss.

👉 Ein zentraler Baustein des Projekts war die Zusammenarbeit verschiedener Akteure vor Ort:
Die kommunale Wohnungsgesellschaft „WiO“ stellte barrierefreien Wohnraum in einem von vier neu gebauten Wohnhöfen zur Verfügung. Die Lebenshilfe Osnabrück als reiner Selbsthilfeverein ist als Ankermieterin eingebunden, die den Wohnraum wiederum an die Bewohner*innen untervermietet. Die Elterninitiative fungiert somit als eigener Träger der WG und konnte frühzeitig an der Planung mitwirken.
Dieses Zusammenspiel von Wohnraum, Trägerstruktur und Elternengagement bildete die Grundlage für das heutige Wohnmodell.


Was bedeutet Teilhabe in diesem Zusammenhang konkret?
Marco Hörmeyer:
Für uns heißt Teilhabe vor allem: mittendrin sein. Nicht abseits, sondern in einem normalen Wohnumfeld. Genau dort entstehen Nachbarschaft, Begegnung und im besten Fall ganz selbstverständlich Kontakte und Zugehörigkeit.

Gleichzeitig haben wir gelernt: Teilhabe entsteht nicht auf Knopfdruck. Im ersten Jahr lag der Fokus zunächst stark auf dem Aufbau verlässlicher Pflege-und Alltagsprozesse. Jetzt geht es zunehmend darum, Inklusion im Sozialraum weiterzuentwickeln. Über Nachbarschaft, Vereine und bestehende Netzwerke vorOrt.


Wie ist die WG aufgebaut?
Marco Hörmeyer:
Die Wohngemeinschaft umfasst 300 Quadratmeter im Erdgeschoss und ist barrierefrei gestaltet.

Es gibt:

·       fünf gleich große Einzelzimmer mit Terrasse für Bewohner*innen mit höherem Pflege- und Unterstützungsbedarf

·       zwei weitere Zimmer für Menschen mit geringerem Pflegebedarf, die einen zusätzlichen Gemeinschaftsraum und ein Badezimmer haben

·       zwei große Bäder

·       einen zentralen Wohn-und Gemeinschaftsbereich mit Küche

Ergänzt wird das durch einen Bereich für den ambulanten Pflege- und Assistenzdienst mit Rückzugs- und Bereitschaftsräumen.


Wie sieht der Alltag aus?
Marco Hörmeyer:
Unter der Woche besuchen die Bewohner*innen Werkstätten, Tagesförderstätten oder Schulen. An den Nachmittagen, Abenden und Wochenenden verbringen sie viel Zeit in der Wohngemeinschaft. Dort geht es um gemeinsame Mahlzeiten, Freizeit, Ruhe, individuelle Angebote und einen möglichst verlässlichen, normalen Tagesrhythmus. Nachts gibt es eine Nachtwache. In den Betreuungszeiten sind in der Regel mehrere Pflege- und Assistenzkräfte vor Ort.


Wie wird Selbstbestimmung umgesetzt?

Marco Hörmeyer:
Oft zeigt sich Selbstbestimmung gerade in den kleinen Dingen: bei Aktivitäten, beim Essen, bei Tagesabläufen oder bei der Frage, wer begleitet.

Wichtig ist, dass Wahlmöglichkeiten nicht nur theoretisch bestehen, sondern im Alltag tatsächlich gelebt werden können. Ergänzend gibt es individuelle Fachleistungsstunden für die qualifizierte Assistenz, die zusätzlich zur Tagesstruktur genutzt werden. Etwa für Förderung, Kommunikation oder persönliche Entwicklung am Nachmittag.


Wie lange hat der Aufbau gedauert?
Marco Hörmeyer:
Von den ersten Gesprächen bis zur Umsetzung waren es rund vier Jahre. Rückblickend waren zwei Dinge entscheidend: die stabile Elterngruppe und eine geeignete Immobilie. Erst als beides zusammenkam, entstand wirklicher Schwung.


Wer war an der Umsetzung beteiligt?
Marco Hörmeyer:
Es brauchte verschiedene Partner aus den Bereichen Wohnen, Eingliederungshilfe, Pflege und Organisation.

👉 Konkret eingebunden waren unter anderem:

·       die Eingliederungshilfe von Stadt und Landkreis Osnabrück als Kostenträger

·       ein in der Region Osnabrück verwurzelter, kompetenter ambulanter Pflegedienst

·       die Lebenshilfe Osnabrück als struktureller Sparringspartner

Ebenso hilfreich war die juristische Begleitung eines Experten aus Hamburg in sozialrechtlichen Fragen, vor allem rund um Teilhabe- und Budgetverfahren. Das hat uns viele Umwege und Fehlentscheidungen erspart.


Was hat gut funktioniert und was war besonders herausfordernd?
Marco Hörmeyer:
Gut funktioniert hat die Zusammenarbeit mit den beteiligten Partnern vor Ort und der Aufbau der pflegerischen Versorgung.

Herausfordernd war und ist vor allem die Verzahnung von Pflege, Assistenz undTeilhabe. Für dieses Modell gab und gibt es keine fertige Vorlage. Vieles musste und muss im Prozess entwickelt werden. Genau das macht solche Projekte einerseits anspruchsvoll, andererseits aber auch so wertvoll: Alle Beteiligten lernen mit.


Gab es auch schwierige Momente?
Marco Hörmeyer:
Ja, und die gehören zur Realität dazu. Im ersten Jahr musste sich die Wohngemeinschaft von einer Bewohnerin wieder trennen, weil das Zusammenleben so nicht funktioniert hat. Das war schmerzhaft für alle Beteiligten. Gleichzeitig war auch diese Erfahrung wichtig, weil sie gezeigt hat, dass ein inklusives Wohnprojekt Entwicklung, Klarheit und manchmal auch schwierige Entscheidungen braucht. Solche Rückschläge gehören zur Pionierarbeit dazu.


Wie finanziert sich die Wohngruppe?
Marco Hörmeyer:
Die Finanzierung erfolgt über die persönlichen Budgets der Bewohner*innen (im Dienstleistermodell), die zu einem Gesamtbudget gebündelt werden. Darüber werden die beauftragten gepoolten Pflege- und Assistenzleistungen finanziert.

Eine Herausforderung waren vor allem die Vorlauf- und Anschubkosten, also Ausgaben, die lange vor Bewilligungen entstehen. Genau darüber sollten sich Eltern früh Gedanken machen.

👉 Unterstützend war in der Anfangsphase ein Spendenkonto bei der Lebenshilfe Osnabrück, über das erste Kosten abgefedert werden konnten, unter anderem durch lokale Stiftungen und Initiativen.


Welche Rolle spielen Angehörige heute?
Marco Hörmeyer:
Die Eltern tragen weiterhin Verantwortung auf strategischer Ebene. Im Alltag selbst halten sie sich bewusst zurück. Ziel ist, dass die WG ein Lebensort der Bewohner*innen ist, nicht ein dauerhaft von Angehörigen dominierter Raum.


Ist das Modell übertragbar?
Marco Hörmeyer:
Grundsätzlich ja, aber nicht als einfache Blaupause. Jede Wohngemeinschaft braucht eigene Lösungen, passende Rahmenbedingungen, engagierte Eltern, verlässliche Partner und eine kooperative Verwaltung.


Was möchten Sie anderen Eltern mitgeben?
Marco Hörmeyer:
Früh anfangen, sich vernetzen und nicht alles allein machen. Es hilft enorm, starke Partner für juristische, fachliche und finanzielle Fragen an der Seite zu haben. Und: Niemand muss am Anfang schon alles wissen. Solche Projekte entstehen Schritt für Schritt.


Was bleibt nach dem ersten Jahr?
Marco Hörmeyer:
Vor allem die Erkenntnis, dass Inklusion und Teilhabe aktiv gestaltet werden müssen – räumlich, organisatorisch und menschlich. Eine Wohngruppe ist nicht einfach nur ein Wohnort. Sie kann ein echter Lebensort werden, wenn Pflege, Assistenz, Mitbestimmung und soziale Teilhabe zusammen gedacht werden. Genau darin liegt die Kraft dieses Projekts und vielleicht auch die Ermutigung für andere Familien, eigene Wege zu denken.