Was kann entstehen, wenn wir dem Raum geben, was uns Energie gibt?

Ein Gespräch mit Melanie Sander über Kreativität, Me-Time und innere Kraft im Alltag zwischen Job, Familie und Care-Arbeit

Melanie Sander ist zweifache Mutter, Diplom-Sozialpädagogin und systemische Beraterin. Sie arbeitet in der Schulsozialarbeit an einem Gymnasium. Ihr ältester Sohn lebt mit einer infantilen Cerebralparese und Pflegegrad 5. Die damit verbundene hohe Verantwortung erfordert einen besonders bewussten Umgang mit Zeit und Kraft im Alltag. Gerade in dieser fordernden Lebensphase hat Melanie etwas wiedergefunden, das für sie wesentlich geworden ist: das Zeichnen.

Im Gespräch erzählt sie, wie sie Wege gefunden hat, im Alltag immer wieder zu sich selbst zurückzufinden.


Wie gelingt es dir, Job, Care-Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen und dabei in die eigene Energie zu kommen?

„Ich glaube, ein wichtiger Schlüssel ist meine hohe Haushalts-Frusttoleranz“, sagt Melanie und lacht.

„Im Haushalt gibt es immer etwas zu tun – ich kann Wäschekörbe mit frisch gewaschener Wäsche auch mal stehen lassen. Die laufen ja nicht weg.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Aufteilung im Familienalltag. Mein Mann arbeitet im Schichtdienst, sodass wir uns nachmittags manchmal in Haushalt und Kinderbetreuung abwechseln können. So nehmen wir uns bewusst kleine Zeitfenster, in denen jede*r Raum für sich hat. In diesen Momenten setze ich mich hin und zeichne.“


Planst du bewusst Zeit für dein Hobby ein?

„Ja, ich plane mir bewusst Zeit dafür ein, auch wenn das im Alltag nicht immer möglich ist. Mein Tag hat wie bei allen anderen auch nur 24 Stunden.
Um mir trotzdem Ruhe zum Zeichnen oder Schreiben zu ermöglichen, nutze ich Zeiten außerhalb des Alltags: manchmal früh am Morgen, bevor Schule und Arbeit beginnen, oder abends, wenn die Kinder im Bett sind.

Auch das Schreiben ist für mich eine wichtige Kraftquelle – es ordnet, verbindet und bringt mich zu mir.

Zeichnen begleitet mich schon mein ganzes Leben.
Vor etwa einem Jahr habe ich gemerkt, dass Zeichnen in meinem Leben wieder einen größeren Stellenwert bekommen soll und habe begonnen, mich darin bewusst weiterzuentwickeln, unter anderem durch Zeichenkurse.
Seitdem habe ich gemerkt, wie wichtig mir das ist, wie gut mir das tut und wie sehr es zu mir gehört.“


Du arbeitest gerade an einem Kinderbuch. Wie ist diese Idee entstanden?

„Die Idee entstand eher zufällig. Ich wollte meinem Sohn etwas Besonderes schenken, was gerade bei Kindern mit Behinderung nicht immer einfach ist.

Zu Ostern kam mir der Gedanke, ihm eine kurze Geschichte zu schreiben, in der er selbst die Hauptfigur ist. Diese Geschichte bestand zunächst nur aus einer Seite Text und einem Bild, das ich für ihn gezeichnet habe.

Als es daraufhin Rückmeldungen zur Geschichte gab, habe ich Lust bekommen, sie weiterzuschreiben. Aus dieser einen Seite sind schließlich mehrere Kapitel entstanden.

Irgendwann war für mich klar, dass ich daraus ein Buch für meinen Sohn schreiben wollte. Das Manuskript ist inzwischen fertig.“


Worum geht es in der Geschichte?

„Im Mittelpunkt steht ein Junge im Rollstuhl, der mit seinem Talker kommuniziert.

Klangfarbenzauber ist ein poetisches Kinderbuch über Freundschaft, Musik und den Mut, dem eigenen inneren Klang zu vertrauen. In einer Welt voller Farben und Klänge erzählt die Geschichte von Begegnungen und davon, wie durch Offenheit und Musik Verbindung entstehen kann – zu anderen und zu sich selbst.

Durch die Geschichte möchte ich Kinder und Erwachsene darin bestärken, ihren eigenen Klang zu entdecken – in schönen wie in schwierigen Momenten. Sie lädt dazu ein, Hilfe anzunehmen, neue Wege zu finden und aus Herausforderungen zu lernen. Sie zeigt, dass jeder Mensch auf seine Weise klingen und leuchten sollte.“


Zeichnen ist eine Kraftquelle für dich, aber auch Musik spielt eine große Rolle, oder?

„Ja. Neben dem Zeichnen tanze ich einmal in der Woche Flamenco. Das ist eine feste Zeit nur für mich.
Musik spielt aber vor allem für unseren Sohn eine große Rolle in unserem Alltag. Mein Mann spielt für ihn Gitarre, und auch ich habe Gitarre und Ukulele spielen gelernt, weil sie für ihn so wichtig ist.
Sie bringt mich immer wieder in Verbindung – mit mir selbst oder mit anderen.

Ich habe einmal den Satz gehört: Du kannst nicht gleichzeitig ängstlich sein und singen. Irgendwie stimmt das.“


Was möchtest du anderen Eltern mitgeben?

„Ich finde es unglaublich wichtig, etwas zu haben, das der Seele gut tut. Gerade dann, wenn es im Leben viele Dinge gibt, die man nicht ändern kann, braucht es einen Ausgleich – etwas, das stärkt und wieder mehr Balance bringt. Sich selbst dabei nicht aus dem Blick zu verlieren, halte ich für sehr wichtig.“


Und was wünschst du dir für die Zukunft?

„Natürlich würde ich mir wünschen, dass sich ein Verlag findet, der mein Kinderbuch veröffentlichen möchte, damit möglichst viele Menschen meine Geschichte lesen können.

Aber dahinter steckt noch etwas anderes: Ich wünsche mir, dass Menschen wieder in Verbindung mit sich selbst kommen. Herausfinden, was sie eigentlich möchten.

Den eigenen Klang finden. Sich nicht verunsichern lassen von Stimmen von außen. Und trotzdem den eigenen Weg weitergehen.“


Ein Impuls zum Mitnehmen

Melanies Geschichte zeigt:

Es braucht nicht viel – aber etwas, das Energie gibt.
Etwas, das stärkt.
Etwas, das hilft, im Alltag bei sich zu bleiben.

Manchmal ist es ein Stift.
Manchmal Musik.
Manchmal Bewegung.

Und manchmal ist es einfach der Mut, sich selbst diesen Raum zuzugestehen!

Bei Fragen oder dem Wunsch nach Austausch freuen wir uns über eine Nachricht an: team@achterbahndeslebens.de.