Mitfeiern statt zuschauen: Wie ein Rollstuhl-Truck Teilhabe ermöglicht

Seit 42 Jahren engagiert sich Schlagersänger Peter Sebastian ehrenamtlich als Botschafter für unfallgeschädigte Kinder. Mit dem „Förderkreis zugunsten unfallgeschädigter Kinder e.V.“ ermöglicht er Menschen im Rollstuhl, beim Schlagermove und beim CSD auf einem speziell umgebauten Truck mitzufahren. Die Idee entstand aus einer Begegnung, die ihn nicht losließ.

Peter Sebastian kennt den Hamburger Schlagermove als Sänger und Moderator. Bei einem seiner Auftritte erlebte er, wie ein Rollstuhlfahrer auf einem Truck mitfahren wollte und abgewiesen wurde. „Da war ich sauer“, erinnert sich Sebastian. Die Situation beschäftigte ihn über den Veranstaltungstag hinaus: Warum sollte jemand, der genauso Lust auf Musik und gemeinsames Feiern hatte, nicht dabei sein können?

Er begann nachzufragen. Dabei wurde deutlich, dass für die sichere Mitfahrt von Menschen im Rollstuhl bestimmte bauliche und organisatorische Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Sebastian wollte diese Voraussetzungen schaffen. Aus seiner Empörung entstand die Idee für den Rollstuhl-Truck. 


Von der Idee zur Umsetzung

Für die technische Umsetzung setzte sich Sebastian mit den Anforderungen an den Umbau und die TÜV-Abnahme auseinander. Als Kooperationspartner gewann er die Deutsche Muskelschwund-Hilfe e.V.. Sie unterstützt unter anderem bei der Sichtung der Bewerbungen und der Auswahl der Teilnehmenden.

“Dabei geht es darum, die begrenzten Plätze Menschen zur Verfügung zu stellen, die auf einen solchen Zugang angewiesen sind und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse bei der Planung zu berücksichtigen”, so Sebastian. 

Seit 2019 gibt es den Rollstuhl-Truck beim Hamburger Schlagermove. Inzwischen kam er auch beim CSD zum Einsatz. Dazu gehört viel Arbeit im Hintergrund: Ein geeigneter Truck muss organisiert und umgebaut, der Zugang über eine Hebebühne ermöglicht und die Sicherheit an Bord gewährleistet werden. Auch Toilettennutzung, Bewegungsflächen und Begleitung müssen mitgedacht werden. Finanziert und umgesetzt wird das Projekt mit Unterstützung von Ehrenamtlichen und Fördernden. Schirmherr Albert Darboven unterstützte das Vorhaben von Anfang an: Als Sebastian ihm seine Idee vorstellte, sagte er sofort seine Hilfe zu.

Sebastians Erfahrungen machen deutlich: Teilhabe beginnt lange vor dem eigentlichen Veranstaltungstag.


14 Plätze und unterschiedliche Bedürfnisse

Auf dem Truck stehen in der Regel 14 Rollstuhlplätze zur Verfügung. Je nach Größe der Rollstühle können es auch weniger sein. Die Teilnehmenden bringen eine Begleitperson mit, die bei Bedarf unterstützt, etwa beim Essen oder Trinken. Der individuelle Unterstützungsbedarf wird im Vorfeld besprochen und bei der Planung berücksichtigt.

Die Plätze sind begehrt: Nach Sebastians Angaben gehen Anfragen schon lange vor der nächsten Veranstaltung ein. Die Mitfahrt ist für die Teilnehmenden und ihre Begleitpersonen kostenlos. Informationen zur Bewerbung und zu den Teilnahmebedingungen gibt es auf www.achteaufmich.de.


Musik erleben, Menschen begegnen

Wofür die Vorbereitung nötig ist, wird deutlich, wenn Sebastian von den Menschen an Bord erzählt. Sie feiern, bewegen sich zur Musik, machen „Schultertanz“, wie er es nennt. In diesen Momenten geht es um das, was die Gäste auf den anderen Trucks auch erleben: Musik hören, zusammen lachen und das Fest genießen.

Eine Begegnung ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Eine blinde Rollstuhlfahrerin beschrieb ihm, dass sie das Fest auf dem Truck anders wahrnehme als unten am Straßenrand. Auch ohne die Umgebung sehen zu können, machte die veränderte Position für ihr Erleben einen großen Unterschied.

Solche Rückmeldungen zeigen, wie verschieden Menschen eine Veranstaltung wahrnehmen und wie wichtig es ist, ihnen zuzuhören. Was einen Unterschied macht, lässt sich am besten gemeinsam mit den Menschen herausfinden, die die jeweiligen Barrieren erleben.


Was andere daraus mitnehmen können

Ein Rollstuhl-Truck lässt sich nicht ohne Weiteres auf jede Veranstaltung übertragen. Technische Anforderungen und Genehmigungen müssen für die jeweilige Situation geklärt werden. Sebastian verweist deshalb darauf, sich vor Ort fachkundig zu informieren.

Übertragbar ist jedoch der Ausgangspunkt: Eine Absage kann Anlass sein, genauer hinzusehen. Welche Voraussetzung fehlt? Wer kennt sich aus? Und wer kann helfen, eine Lösung zu entwickeln? Wie können Veranstaltungen so geplant werden, dass Menschen mit Behinderung von Anfang an dazugehören?


Teilhabe braucht dauerhaftes Engagement

Sebastians Einsatz reicht über den Rollstuhl-Truck hinaus. Wie aktuell sein Engagement für unfallgeschädigte Kinder bleibt, zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes: 2025 wurde in Deutschland durchschnittlich alle 18 Minuten ein Kind unter 15 Jahren im Straßenverkehr verletzt oder getötet.

Unfallfolgen können den Alltag von Kindern und ihren Familien grundlegend verändern. Neben Behandlung und Rehabilitation geht es dann auch darum, Gemeinschaft zu erleben und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Hier liegt die Verbindung zum Rollstuhl-Truck, unabhängig davon, weshalb die Mitfahrenden einen Rollstuhl nutzen: Zugänge zu gemeinsamen Erlebnissen zu schaffen.

„Wir schauen immer nach vorne“, sagt Sebastian. Angefangen hat alles mit einem Menschen, der mitfahren wollte. Heute können auf dem Truck Rollstuhlfahrende mit ihren Begleitpersonen gemeinsam feiern. So wird Teilhabe konkret: dabei sein, die Musik genießen und das Fest miteinander erleben.