
Wie können Orte inklusiver werden, ohne gleich alles neu planen zu müssen? Auf Gut Karlshöhe in Hamburg waren Kommunikationstafeln ein erster, ganz konkreter Schritt. Was mit einer einfachen Frage begann, hat dort den Blick auf weitere Barrieren verändert. Ein Beispiel dafür, warum es sich lohnt, mit Menschen zu sprechen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und einfach irgendwo anzufangen.
Magdalena Kitzberger ist als Fachreferentin Nachhaltigkeit auf Gut Karlshöhe unter anderem für die Weiterentwicklung des Geländekonzepts zuständig. Schon länger beschäftigte sie die Frage, wie das Gelände inklusiver gestaltet werden könnte. Viele der vorhandenen Schilder seien beispielsweise noch sehr textlastig.
Doch wo anfangen?
Ein wichtiger Impuls kam aus ihrem persönlichen Umfeld. Im Gespräch mit einer Freundin, deren Tochter eine Behinderung hat, stellte Magdalena eine ganz konkrete Frage: Was würde euch im Alltag wirklich helfen?
Ihre Freundin erzählte ihr von Kommunikationstafeln und den Möglichkeiten, die Symbole für Menschen bieten, die sich nicht oder nur eingeschränkt über Lautsprache verständigen können.
Für Magdalena war das Thema neu und gerade die Einfachheit der Idee überzeugte sie.
„Es braucht keine große bauliche Veränderung und gleichzeitig kann damit ganz konkret Teilhabe ermöglicht werden.“
Eine Kommunikationstafel ersetzt dabei nicht die grundsätzliche Auseinandersetzung mit Inklusion und Barrierefreiheit. Sie kann aber ein vergleichsweise niedrigschwelliger erster Schritt sein.
Als Grundlage diente eine bereits vorhandene Spielplatztafel mit METACOM-Symbolen, die auf der Website des Anbieters zur Verfügung steht. Die Zusammenstellung wurde anschließend an die Gegebenheiten auf Gut Karlshöhe angepasst und einzelne Symbole entsprechend ausgetauscht.
Dabei ging es nicht nur darum, vorhandene Spielgeräte abzubilden. Denn Kommunikation bedeutet weit mehr, als beispielsweise zu sagen: „Ich möchte schaukeln.“
Auf den Tafeln finden sich deshalb auch verschiedene Gefühle sowie Möglichkeiten auszudrücken, dass etwas gut oder schlecht ist oder dass man sich wehgetan hat.
Magdalena kennt das auch aus ihrem persönlichen Umfeld: Durch Symbole kann ein Kind beispielsweise selbstständig zeigen, was es möchte. Gerade diese Möglichkeit, die eigene Meinung oder ein Bedürfnis selbst auszudrücken, empfindet sie als besonders wichtig.
Bei der Auswahl der Symbole holte sich Magdalena zusätzlich Rat beim Verein für Integration und Assistenz. Denn von Anfang an war klar: Die Tafel sollte nicht allein aus der eigenen Perspektive heraus geplant werden.
In unmittelbarer Nähe zu Gut Karlshöhe leben Menschen mit und ohne Behinderung in einem Wohnprojekt. Bewohnerinnen und Bewohner wurden deshalb auch in die Frage einbezogen, wo die Tafeln sinnvoll angebracht werden sollten.
Dabei wurden ganz praktische Fragen wichtig: Ist die Tafel auf einer geeigneten Höhe? Ist sie gut erreichbar? Und wo muss sie stehen, damit sie im Alltag tatsächlich genutzt werden kann?
Fragen wie diese zeigen, warum es einen Unterschied macht, Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Bedürfnissen in Planungen einzubeziehen. Was auf dem Papier sinnvoll erscheint, muss in der tatsächlichen Nutzung nicht automatisch für alle funktionieren.
Die Kommunikationstafeln richten sich vor allem an Menschen, die unterstützte Kommunikation nutzen. Ihr Nutzen kann aber darüber hinausgehen.
Auch Menschen mit Sprachbarrieren können sich mithilfe von Symbolen verständigen. Gleichzeitig beobachtet Magdalena, dass Kinder, die selbst keine unterstützte Kommunikation benötigen, die Tafeln ganz selbstverständlich entdecken und in ihr Spiel integrieren. Einmal beobachtete sie beispielsweise eine Familie, die mithilfe der Symbole eine Art Pantomime spielte.
So wird die Kommunikationstafel nicht zwangsläufig als etwas Besonderes wahrgenommen, das ausschließlich für eine bestimmte Personengruppe gedacht ist. Sie kann ganz selbstverständlich Teil eines Ortes werden. Die Reaktionen auf die Tafeln sind entsprechend positiv.
Gerade beim Thema Inklusion entsteht schnell eine große Frage: Wo fängt man überhaupt an?
Auch Magdalena kannte diese Unsicherheit. Was ist finanzierbar? Was hilft Menschen tatsächlich? Und was passiert, wenn eine Idee in der Praxis am Ende gar nicht so funktioniert, wie sie ursprünglich gedacht war?
Dazu kommt der Anspruch, möglichst nichts falsch machen zu wollen. Ein Satz ihrer Freundin ist Magdalena deshalb besonders im Gedächtnis geblieben: „Einfach mal machen. Der erste Grundstein ist gelegt.“
Das bedeutet nicht, unüberlegt zu handeln. Im Gegenteil: Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen einzubeziehen, zuzuhören und Rückmeldungen ernst zu nehmen, gehört dazu.
Aber nicht jede Lösung muss von Beginn an perfekt sein. Die Kommunikationstafeln wurden auf Gut Karlshöhe zu einem solchen ersten Schritt. Und mit diesem Schritt veränderte sich auch der Blick auf andere Bereiche.
Wer sich einmal intensiver mit Barrieren beschäftigt, entdeckt schnell weitere Möglichkeiten, Teilhabe mitzudenken. Aus der Beschäftigung mit den Kommunikationstafeln entstand auf Gut Karlshöhe deshalb auch ein neuer Blick auf andere Bereiche des Geländes.
Das können ganz unterschiedliche Dinge sein: Sitzgelegenheiten mit Armlehnen, die das Aufstehen erleichtern, eine Aussparung an einer Bank, die Platz für einen Rollstuhl schafft, oder Spielgeräte, die von mehr Menschen genutzt werden können.
Dabei steht auch Gut Karlshöhe selbst noch am Anfang dieses Prozesses. Und vielleicht ist genau das eine wichtige Erkenntnis: Inklusion muss nicht mit einem vollständig durchdachten Gesamtkonzept beginnen. Aber sie muss irgendwo beginnen.
Was sich aus Magdalenas Erfahrungen mitnehmen lässt: Zuhören. Nachfragen. Perspektiven einbeziehen. Einen ersten Schritt machen. Aus Erfahrungen lernen. Und dann weitermachen.