
Jessica Brieger über Autismus im Arbeitsalltag
Jessica Brieger ist Ingenieurin und Autistin und spricht darüber offen in sozialen Netzwerken. Sie hat Wirtschaftsingenieurwesen an der Frankfurt University of Applied Sciences (M.Sc.) studiert und setzt sich dafür ein, mehr Frauen für MINT-Berufe zu begeistern und neurodiverse Perspektiven sichtbar zu machen.
Neben ihrer beruflichen Tätigkeit engagiert sie sich in Netzwerken für Frauen in MINT sowie im Bereich Diversity, Equity & Inclusion (DEI). Ihr Ziel: Austausch ermöglichen, Vorbilder sichtbar machen und Strukturen mitgestalten.
Im Gespräch gibt sie Einblicke in ihre Arbeitsweise, ihre Erfahrungen im Berufsleben und warum unterschiedliche Denkweisen für Unternehmen ein echter Gewinn sein können.
Wann hast du erfahren, dass du Autistin bist und was hat das verändert?
Jessica: Ich habe die Diagnose erst seit zwei Jahren. Sie kam eher unerwartet im Rahmen einer fachlichen Abklärung zustande. Der Moment war kurz ein Schock und gleichzeitig total logisch.
Im Nachhinein hat vieles plötzlich Sinn ergeben:
Warum mich bestimmte Situationen überfordert haben.
Warum ich oft erschöpft war.
Warum ich mich häufig zurückgezogen habe und eher „Einzelkämpferin“ war.
Was viele nicht sehen: Ich habe mich über viele Jahre stark angepasst, um nicht aufzufallen. Das kostet enorm viel Energie.
Gleichzeitig war genau das auch der Punkt, an dem ich angefangen habe, mich intensiver mit mir selbst auseinanderzusetzen:
Was fühle ich eigentlich?
Was brauche ich?
Diese Auseinandersetzung hat mir im weiteren Verlauf sehr geholfen, weil ich heute viel besser einordnen kann, was in bestimmten Situationen passiert und wie ich damit umgehen kann.
Du bist viel unterwegs und bist vielen Reizen ausgesetzt. Wie gehst du heute damit um?
Jessica: Es ist weiterhin anstrengend.
Der Unterschied ist: Ich verstehe heute besser, was ich brauche und kann entsprechend reagieren.
Ich bereite mich bewusst vor, reduziere Reize (z. B. mit Kopfhörern) und plane gezielt Regenerationszeiten ein, vor und nach Terminen.
Nach Veranstaltungen bin ich oft erschöpft. Aber ich kann es heute besser einordnen.
Früher war das einfach nur Überforderung.
Heute weiß ich: Das ist eine Reaktion auf viele Reize und ich kann aktiv gegensteuern.
Wie bist du zum Netzwerken gekommen und wie gehst du mit Smalltalk um?
Jessica: Das war definitiv kein Selbstläufer. Ich habe lange eher zurückgezogen gelebt und Netzwerken komplett unterschätzt. Erst in den letzten zwei Jahren habe ich damit angefangen.
Smalltalk fällt mir bis heute nicht leicht. Deshalb habe ich mir das sehr strukturiert erarbeitet.
Ich habe beobachtet, wie andere kommunizieren, mir Fragen notiert und Strategien entwickelt. Am Anfang habe ich mir sogar konkrete Formulierungen aufgeschrieben. Das klingt vielleicht ungewöhnlich, aber es funktioniert. Und mit der Zeit wurde es leichter ins Gespräch zu gehen.
Wie zeigt sich deine Denk- und Arbeitsweise im Job?
Jessica: Ich denke oft in andere Richtungen als andere.
Das kann ein Vorteil sein – aber nur, wenn das Umfeld offen dafür ist.
Wenn es nur eine „richtige“ Lösung geben darf, wird es schwierig.
Ich arbeite außerdem stark energieorientiert. Starre Arbeitszeiten haben bei mir dazu geführt, dass ich zwar anwesend war, aber nicht wirklich leistungsfähig.
Ich war müde, konnte mich schlecht konzentrieren und war nicht produktiv.
Heute arbeite ich anders: Ich passe meine Arbeit an mein Energielevel an.
Das hat einen enormen Unterschied gemacht. Ich bin deutlich produktiver, kreativer und kann meine Stärken viel besser einbringen.
Was macht für dich ein gutes Arbeitsumfeld aus?
Jessica: Ein gutes Arbeitsumfeld entscheidet für mich darüber, ob ich mein Potenzial überhaupt nutzen kann.
Wichtig sind für mich:
- eine möglichst reizangepasste Umgebung
- klare Kommunikation
- Flexibilität in der Arbeitsweise
Ich habe auch im Großraumbüro gearbeitet. Das war für mich sehr herausfordernd. Nicht wegen der Lautstärke, die mich beispielsweise gar nicht stört. Aber durch sensorische Reize wie zu wenig Licht, starke Gerüche oder unangenehme Materialien/Oberflächen.
Im Homeoffice kann ich meine Umgebung so gestalten, dass ich mich wirklich konzentrieren kann. Das hat einen direkten Einfluss auf meine Leistungsfähigkeit.
Was hilft dir konkret in der Zusammenarbeit?
Jessica: Klarheit.
Ich brauche:
- klare Aufgaben
- klare Prioritäten
- klare Deadlines
Zwischentöne oder indirekte Kommunikation sind für mich schwer verständlich.
Ich orientiere mich am geschriebenen und gesagten Wort, nicht an dem, was „zwischen den Zeilen“ steht. Deshalb hilft mir eine direkte, klare Ansprache enorm.
Wenn ich unsicher bin, nutze ich auch Tools wie KI, um Nachrichten besser einzuordnen, z.B. um zu verstehen, ob es eine versteckte Botschaft geben könnte. Das ist für mich eine Form von „Musterlernen“, die mir im Alltag hilft.
Was funktioniert in deinem aktuellen Job besonders gut?
Jessica: Offenheit– auf beiden Seiten.
Ich habe nach meiner Diagnose zunächst mit meiner Teamleitung gesprochen und mich dann bewusst entschieden, offen damit umzugehen, auch in sozialen Netzwerken. Ein Grund war, dass mir selbst Vorbilder gefehlt haben.
Diese Offenheit hat dazu geführt, dass wir unsere Zusammenarbeit aktiv angepasst haben. Meine Teamleitung hat sich darauf eingelassen, Dinge auszuprobieren. Wir haben Arbeitsweisen verändert, Strukturen angepasst und geschaut, was funktioniert.
Das Ergebnis: bessere Abläufe, klarere Strukturen und deutlich bessere Ergebnisse.
Und genau hier zeigt sich für mich auch, was echte Teilhabe bedeutet: Dass ich mich nicht dauerhaft anpassen muss, um zu funktionieren, sondern dass Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass ich meine Stärken einbringen kann.
Und auch für meine Führungskraft ist es ein Lernprozess, der am Ende beiden Seiten hilft.
Was sollten Unternehmen im Umgang mit Autismus mitnehmen?
Jessica: Autistische Menschen sind leistungsfähig. Und: Anpassung ist keine Einbahnstraße.
Die eigentliche Frage ist nicht: Wie können sich Menschen besser an bestehende Systeme anpassen?
Sondern: Wie gestalten wir Arbeitsumfelder so, dass unterschiedliche Denk- und Arbeitsweisenwirken können?
Das bedeutet z. B.:
- klare Kommunikation, statt Annahmen
- Bewertungskriterien überdenken
- Empathie neu denken
Unterschiedliche Perspektiven können Innovation ermöglichen, wenn man sie zulässt.
Welche Missverständnisse begegnen dir häufig?
Jessica: Es gibt viele Vorurteile:
- Autistische Menschen seien nicht sozial
- oder weniger empatisch
- oder schwer integrierbar
Das entspricht nicht meiner Erfahrung.
Im Gegenteil: Wir nehmen oft sehr viel wahr, manchmal sogar zu viel. Die Herausforderung liegt nicht in fehlender Empathie, sondern in der Reizverarbeitung.
Welche Rolle spielen Netzwerke und Social Media für dich?
Jessica: Eine sehr große. Für mich sind soziale Netzwerke ein niedrigschwelliger Einstieg in Austausch und Vernetzung.
Ich kann:
- in meinem eigenen Tempo reagieren
- mir Zeit für Antworten nehmen
- Inhalte strukturiert teilen
Das nimmt mir den Druck aus direkten sozialen Situationen.
Gleichzeitig entstehen echte Verbindungen. Menschen melden sich, tauschen sich aus, vernetzen sich.
Für mich war das ein entscheidender Schritt – weg vom „Einzelkämpfer-Modus“ hin zu einem Netzwerk, das unterstützt und neue Möglichkeiten eröffnet.
Wie erlebst du aktuelle Entwicklungen rund um Diversität?
Jessica: Im öffentlichen Diskurs gibt es teilweise Gegenbewegungen.
Gleichzeitig sehe ich in der Praxis viel Engagement.
Ein spannender Punkt ist: Viele Menschen erkennen zunehmend, dass sie selbst Teil einer „unterrepräsentierten Gruppe“ sein können.
Das kann ganz unterschiedlich sein:
- Alter (z.B. Gen Z oder ältere Beschäftigte)
- gesundheitliche Einschränkungen
- soziale Herkunft
- Lebensrealitäten
Diese Perspektive hilft, Vorurteile besser zu hinterfragen.
Und zeigt: Vielfalt betrifft uns alle.
Was hätte dir früher geholfen?
Jessica: Mich selbst besser zu verstehen. Ich habe lange funktioniert, ohne zu wissen, warum Dinge schwerfallen.
Dieses Verständnis hätte mir geholfen, bessere Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel im Hinblick auf Arbeitsumfelder oder berufliche Wege.
Was möchtest du Unternehmen und Gesellschaft mitgeben?
Jessica: Weniger Angst vor Unterschiedlichkeit. Mehr Offenheit, Dinge auszuprobieren.
Und die Bereitschaft, sich zu fragen: Wie wollen wir eigentlich zusammenarbeiten?
Heute passe ich mich nicht mehr nur an Systeme an – ich gestalte sie mit.