Viele Unternehmen wollen Inklusion, sie wissen nur nicht, wie.

Wie Sarah Manteufel ihren eigenen Weg fand und warum sie heute Brücken zwischen Unternehmen und Inklusion baut.

Sarah Manteufel ist Sozialpädagogin, Mutter von drei Töchtern und Gründerin von isociety. Beruflich beschäftigte sie sich viele Jahre mit der beruflichen Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Privat veränderte die Geburt ihrer mittleren Tochter mit Down-Syndrom ihr Leben noch einmal auf eine ganz andere Weise.

Heute verbindet sie beides: ihre beruflichen Erfahrungen und ihre persönlichen Erlebnisse als Mutter. Mit isociety möchte sie Begegnungen schaffen, Berührungsängste abbauen und Unternehmen für das Thema Inklusion sensibilisieren.

Im Gespräch erzählt sie, warum der Austausch mit anderen Eltern für sie so wichtig war, weshalb sie den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hat und warum sie glaubt, dass Inklusion häufig nicht am fehlenden Willen, sondern am fehlenden Wissen scheitert.


Austausch gibt Orientierung

Als Sarah Manteufel die Diagnose ihrer Tochter erhielt, brachte sie bereits viel Wissen über das Leben und Arbeiten von Menschen mit Behinderung mit. Die studierte Sozialpädagogin hatte viele Jahre in der Eingliederungshilfe gearbeitet und Menschen auf ihrem Weg in die berufliche Teilhabe begleitet. Trotzdem war dieser Moment auch für sie eine große emotionale Herausforderung.

„Im ersten Moment war da vor allem die Überforderung mit einer Situation, auf die mich niemand vorbereiten konnte. Das hatte nichts mit meiner Tochter zu tun, sondern mit den vielen offenen Fragen.“

Plötzlich ging es nicht mehr nur um theoretisches Wissen, sondern um das eigene Kind.

Welche Unterstützung braucht unsere Familie? Welche Therapien können sinnvoll sein? Welche Ärztinnen und Ärzte kennen sich aus? Welche Schule passt später zu unserem Kind? Und welche Möglichkeiten wird es als Erwachsene einmal haben?

Auf viele dieser Fragen gibt es keine allgemeingültigen Antworten. Umso wichtiger wurde für Sarah der Austausch mit anderen Familien.

Durch ihre berufliche Erfahrung kannte sie bereits KIDS Hamburg e. V., ein Kompetenz- und Informationszentrum rund um das Down-Syndrom. Dort besuchte sie eine Babygruppe und lernte Eltern kennen, die ähnliche Erfahrungen machten.

„Der Austausch auf Augenhöhe hat mir unglaublich viel Kraft gegeben. Plötzlich musste ich nicht mehr alles alleine herausfinden.“

Ob Therapien, Behörden, Alltag oder Zukunftsfragen, vieles ließ sich gemeinsam leichter einordnen. Für Sarah steht deshalb bis heute fest: Erfahrungswissen kann anderen Familien Orientierung geben.

Nicht, weil es für jede Familie den einen richtigen Weg gibt. Sondern weil unterschiedliche Erfahrungen helfen können, den eigenen Weg zu finden.


Als Beruf und Familie nicht mehr zusammenpassten

Nach der Geburt ihrer Tochter versuchte Sarah zweimal, in ihren Beruf zurückzukehren. Beide Male musste sie feststellen, dass Wunsch und Wirklichkeit in dieser Lebensphase weit auseinander lagen.

„Ich habe gemerkt, dass ich mental noch viel zu sehr bei meiner Tochter war. Sie hatte als kleines Kind viele Infekte, der Alltag war oft schwer planbar und dann kam noch ihre kleine Schwester dazu. Irgendwann musste ich akzeptieren, dass meine Grenzen real sind.“

Diese Erfahrung kennen viele Eltern von Kindern mit Behinderung. Berufliche Wünsche treffen häufig auf einen Alltag, der sich nur schwer planen lässt und viel Flexibilität verlangt.

Für Sarah entstand daraus schließlich ein neuer Gedanke: Wenn klassische Arbeitsmodelle nicht zu ihrem Leben passten, wie könnte Arbeit dann aussehen?


Aus Erfahrungen wurde isociety

Die Idee zu isociety entstand nicht über Nacht. Schon viele Jahre zuvor schrieb Sarah über ihren Familienalltag, entwickelte erste kreative Ideen und beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie Inklusion sichtbarer werden könnte. 2023 wurde daraus ein eigenes Unternehmen.

Für Sarah ist isociety weit mehr als ein Label. Es ist die Möglichkeit, ihre beruflichen Erfahrungen mit ihren persönlichen Erlebnissen zu verbinden und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Mit Produkten, Projekten und Kooperationen möchte sie zeigen, dass Inklusion nicht nur gesellschaftlich wichtig ist, sondern auch neue Perspektiven für Unternehmen und die Arbeitswelt eröffnen kann.

Gleichzeitig verschafft ihr die Selbstständigkeit die Flexibilität, die ihre Familie braucht.

„Ich kann meine Arbeitsbedingungen selbst gestalten. Gleichzeitig bedeutet Selbstständigkeit aber auch Verantwortung. Man entwickelt Produkte, kümmert sich um Marketing, Buchhaltung und den gesamten Unternehmensaufbau.“

Trotz aller Herausforderungen überwiegt für sie das Positive.

„Ich habe das Gefühl, mein Wissen und meine Erfahrungen sinnvoll einsetzen zu können. Daraus entsteht Selbstwirksamkeit und das gibt mir Kraft.“


Was Sarah überrascht hat

Durch ihre Arbeit mit isociety kommt Sarah regelmäßig mit Unternehmen ins Gespräch.

Dabei machte sie eine Beobachtung, mit der sie zunächst nicht gerechnet hatte. Viele Unternehmen möchten sich durchaus mit Inklusion beschäftigen.

Was häufig fehlt, sind Informationen..

„Ich glaube gar nicht, dass Unternehmen grundsätzlich nicht wollen. Viele wissen einfach nicht, welche Möglichkeiten es bereits gibt.“

Diese Erfahrung zieht sich durch viele ihrer Gespräche. Oft gehe es zunächst gar nicht um große Veränderungen, sondern um Orientierung.

Welche Unterstützung gibt es? An wen können sich Unternehmen wenden? Wie gelingt überhaupt ein erster Schritt?


Ein Beispiel: Das Budget für Arbeit

Ein Instrument, das Sarah in diesem Zusammenhang immer wieder anspricht, ist das Budget für Arbeit.

Es richtet sich an Menschen mit Behinderung, die Anspruch auf einen Platz in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung haben und den Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt anstreben.

Nach Sarahs Erfahrungen erfolgt dieser Weg häufig schrittweise – beispielsweise über Praktika oder sogenannte ausgelagerte Arbeitsplätze. So können Unternehmen und Beschäftigte gemeinsam herausfinden, ob die Tätigkeit langfristig passt.

Je nach Region begleiten Werkstätten für Menschen mit Behinderung sowie Fachdienste diesen Prozess. In Hamburg können dies beispielsweise die Elbe-Werkstätten, Alsterarbeit oder die Hamburger Arbeitsassistenz sein. Sie informieren über bestehende Möglichkeiten, begleiten den Übergang und unterstützen sowohl Unternehmen als auch Beschäftigte auf diesem Weg.

„Viele Unternehmen kennen diese Möglichkeit überhaupt nicht. Dabei könnte sie für beide Seiten ein guter Einstieg sein.“


Arbeitsplätze neu denken

Für Sarah beginnt Inklusion mit einem Perspektivwechsel.

Nicht jeder Mensch passe auf jeden Arbeitsplatz. Das gelte für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen.

„Man muss den Arbeitsplatz an den Menschen anpassen, nicht den Menschen an den Arbeitsplatz.“

Statt zuerst auf Einschränkungen zu schauen, sollten Unternehmen überlegen:

Welche Stärken bringt ein Mensch mit? Welche Aufgaben passen zu diesen Fähigkeiten? Und welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Zusammenarbeit gelingen kann?


Orientierung schafft neue Perspektiven

Aus dem Gespräch mit Sarah bleibt vor allem eine Erkenntnis:

Familien profitieren vom Austausch mit anderen Familien.
Unternehmen profitieren von Informationen über bestehende Möglichkeiten.

Und beides zusammen kann dazu beitragen, dass mehr Menschen mit Behinderung ihren Platz in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt finden.