Eine andere Perspektive auf Barrieren

Wie verändert sich unser Blick auf Barrieren, wenn wir sie nicht nur erklärt bekommen, sondern selbst erleben? Achterbahn des Lebens e.V. war zu Besuch im „Space für ein Miteinander“ von Alles in Ordnung in der Hamburger Innenstadt. Dort haben wir mit Anton Rieche, Pawel Pupchenko und Astrid Korth über Perspektivwechsel, Barrieren im Alltag und in der Arbeitswelt gesprochen und darüber, warum Begegnung ein wichtiger Schritt zu mehr Inklusion sein kann.

Eine Tür öffnen. Einen Kaffee holen. Etwas vom Boden aufheben. Sich durch einen Raum bewegen. Dinge, über die viele Menschen im Alltag vermutlich kaum nachdenken. Bis man die Perspektive wechselt.

Im Space von Alles in Ordnung setzen sich Besucher:innen selbst in einen Rollstuhl und erleben alltägliche Situationen aus einer anderen Position.

Dabei geht es nicht darum, für einige Minuten nachzuempfinden, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben. Das kann und soll ein solcher Perspektivwechsel nicht leisten. Es geht vielmehr darum, den eigenen Blick zu verändern und Barrieren wahrzunehmen, die vorher vielleicht keine Rolle gespielt haben.


Inklusion einmal andersherum gedacht

Anton, Pawel und Astrid bilden das Team hinter Alles in Ordnung. Anton und Pawel sind selbst Rollstuhlfahrer und kennen alle Barrieren des Alltags aus eigener Perspektive. Entstanden ist das Projekt unter anderem aus Antons Erfahrungen bei der beruflichen Orientierung. Anton hatte nach der Schule über Jahre verschiedene Maßnahmen, Beratungen und Jobcoachings durchlaufen, ohne eine berufliche Perspektive zu finden, die wirklich zu ihm und seinen Interessen passte.

Als die Situation für Anton und seine Mutter Astrid zunehmend unerträglich wurde, entschieden sie, selbst aktiv zu werden und etwas Eigenes zu schaffen. Auf diesem Weg kam Pawel dazu. Gemeinsam entwickelten sie ihren eigenen Ansatz: Reverse Inclusion – umgekehrte Inklusion.

Dabei dreht sich die gewohnte Rollenverteilung um: Menschen mit Behinderung sind nicht diejenigen, für die Inklusion gestaltet wird, sondern diejenigen, die sie selbst mitgestalten. Anton und Pawel zeigen, welche Barrieren und Fragen aus ihrer Sicht relevant sind.

Es geht also nicht nur darum, über Inklusion zu sprechen, sondern Menschen mit Behinderung selbst zu Akteuren und Impulsgebern zu machen.

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Wenn Selbstverständliches plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist

Der im Space angebotene Rollstuhlparcours greift unterschiedliche Alltagssituationen auf: enge Stellen, kleine Hindernisse, Türen oder das selbstständige Holen eines Getränks. Auch außerhalb des Spaces kann der Perspektivwechsel fortgesetzt werden.

Nathalie von Achterbahn des Lebens e.V. hat den Perspektivwechsel selbst ausprobiert. Ein Aha-Moment entstand beim Kaffeeholen: Mit einer Tasse auf dem Schoß wurde es plötzlich erstaunlich schwierig, kleine Hindernisse zu überwinden, ohne etwas zu verschütten.

Dabei veränderte sich auch der Blick auf Dinge, die sonst kaum als Barriere wahrgenommen werden. Ein Teppich kann ein Café gemütlicher machen, für Menschen im Rollstuhl aber gleichzeitig zu einer echten Herausforderung werden.

Genau solche Momente können sensibilisieren und machen Barrieren sichtbar, die sonst vielleicht unbemerkt bleiben.


Barrieren sind nicht immer baulich

Im gemeinsamen Gespräch wird schnell deutlich: Es geht bei dem Projekt nicht nur um Stufen, Türen oder Rampen.

Anton, Pawel und Astrid berichten, dass ihnen im Alltag immer wieder mit Berührungsängsten und Unsicherheiten begegnet wird. Gleichzeitig erleben sie, dass sich diese häufig verändern, sobald Menschen mit ihnen in Kontakt kommen.

Wo Begegnung fehlt, können Vorstellungen und Vorurteile bestehen bleiben.

Deshalb findet Astrid auch den Gedanken wichtig, nicht immer zuerst bei Kindern und Schulen anzusetzen. Viele Entscheidungen, die heute Teilhabe ermöglichen oder verhindern, werden schließlich von Erwachsenen getroffen, beispielsweise in Unternehmen und Institutionen.

Ihre Botschaft: „Fangt bei euch selbst an.“


Arbeitswelt: Erst den Menschen sehen

Wie wichtig dieser Perspektivwechsel auch in der Arbeitswelt sein kann, zeigen Pawels und Antons Erfahrungen. Denn Barrieren begegneten ihnen nicht nur baulich, sondern auch in Form von Erwartungen darüber, welche Tätigkeiten einem Rollstuhlfahrer zugetraut werden.

Ein Beispiel ist Pawel besonders im Gedächtnis geblieben: Für eine mögliche feste Arbeitsstelle hätte lediglich eine Stufe überwunden werden müssen. Eine mobile Rampe wurde in Aussicht gestellt. Während Pawel auf eine Lösung wartete, wurde die Stelle anderweitig vergeben.

Auch Anton machte bei seiner beruflichen Orientierung Erfahrungen mit Vorstellungen darüber, welche Tätigkeiten für ihn passend sein könnten. Ihm wurden immer wieder Tätigkeiten im Büro vorgeschlagen. Seine eigenen Interessen lagen jedoch woanders: Er wollte ausschließlich im Einzelhandel und mit Menschen arbeiten.

Das führt zu einer grundsätzlichen Frage: Was möchte ein Mensch? Was kann er? Wo liegen seine Interessen und Stärken und was braucht er, damit Arbeit möglich wird?

Ein Rollstuhl sagt schließlich nichts darüber aus, welche Interessen, Fähigkeiten oder beruflichen Ziele ein Mensch hat.

Auch Homeoffice ist deshalb nicht automatisch die Lösung für fehlende Barrierefreiheit. Arbeit bedeutet häufig mehr als die reine Tätigkeit: Austausch, Begegnung und das Gefühl, Teil eines Teams zu sein, gehören ebenfalls dazu.


Menschen treffen auf Menschen

Im Space geht es jedoch nicht ausschließlich um den Rollstuhlparcours. In sogenannten Co-Creation-Formaten werden ganz unterschiedliche Themen aufgegriffen. Im Gespräch erzählen Anton, Pawel und Astrid beispielsweise von Gesundheit und Wohlbefinden, digitalen Themen, KI oder Yoga.

Dabei muss nicht jede Begegnung ausdrücklich unter der Überschrift „Inklusion“ stehen.

Menschen mit und ohne Behinderung beschäftigen sich gemeinsam mit einem Thema. Begegnung entsteht dabei ganz selbstverständlich.

Und vielleicht steckt genau darin eine der wichtigsten Aussagen unseres Gesprächs: Menschen treffen auf Menschen.

Denn Inklusion entsteht nicht ausschließlich durch Konzepte oder die richtige Wortwahl. Sie entsteht auch dort, wo Menschen miteinander in Kontakt kommen, Fragen stellen, gemeinsam etwas ausprobieren und unterschiedliche Lebensrealitäten kennenlernen.

Astrid bringt es am Ende unseres Gesprächs sinngemäß auf den Punkt: Begegnung kann Veränderung schaffen.


Was bleibt vom Perspektivwechsel?

Ein kurzer Perspektivwechsel im Rollstuhl vermittelt nicht, wie es ist, dauerhaft mit einer Behinderung zu leben.

Aber er kann sensibilisieren. Er kann dazu führen, genauer hinzusehen, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und Barrieren wahrzunehmen, die vorher vielleicht unsichtbar waren.

Vielleicht ist genau das ein guter Anfang: Nicht davon auszugehen, die Perspektive eines anderen Menschen zu kennen, sondern bereit zu sein, die eigene für einen Moment zu verlassen. Denn Barrierefreiheit kann früher oder später für uns alle eine Rolle spielen.